Im Westen nichts Neues

IM WESTEN NICHTS NEUES

BÜHNENFASSUNG VON JÜRGEN APEL UND DIETER POWITZ IN EINER FASSUNG DES THEATER ANSBACH

Regie Markus Steinwender Ausstattung Stefan A. Schulz Mit Valentin Bartzsch, Claudia Dölker, Katja Straub, Sophie Weikert, Gerald Leiss, Andreas C. Meyer, Hartmut Scheyhing, Dave Wilcox Spieldauer 70min, keine Pause Aufführungsrechte Rowohlt Theaterverlag, Reinbek bei Hamburg Premiere 16. April 2016, Theater Ansbach

PresseKRITIK

„Todesangst und Trauer im Gegenlicht der Gefechtsscheinwerfer
Theater Ansbach: Markus Steinwender inszeniert „Im Westen nichts Neues“ und macht daraus ein zeitloses Antikriegsstück – Starke Ensembleleistung

ANSBACH – Die Toten der Schlachtfelder, sie kehren zurück an diesem Abend. Es sind nicht die Gräber, aus denen sie steigen. Grau und bleich lösen sich acht Soldaten von der flackernd durchschienenen Leinwand. Sie robben aus den Bildern heraus, aus den Filmbildern, die sie seit einem Jahrhundert lebendig erscheinen lassen, und stehen in einer Reihe, um ihre Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte von Paul Bäumer und seinen Kameraden: ,,Im Westen nichts Neues“. Am Samstag hatte eine Bühnenfassung von Erich Maria Remarques Roman am Theater Ansbach Premiere. Es ist eine kurze, aber eindrucksvolle Produktion geworden. Sie wagt sich weit nach vorn.

Eineinviertel Stunden nur braucht der Regisseur Markus Steinwender für seine Bearbeitung der Vorlage von Dieter Powitz und Jürgen Apel. Eineinviertel Stunden zwischen Trauergesang und Groteske, die vor Grauen und Todesangst beben. Eineinviertel Stunden, in denen mit dem Roman das passiert, was immer im Krieg passiert: Die gewohnte Ordnung bricht zusammen.

Steinwender rollt Remarques Romanhandlung vom Ende her auf und kämpft sich nach vorne durch, dorthin, wo der Soldat Paul Bäumer noch Schüler und voller vermeintlicher Ideale war. Der Krieg hat sie ihm ausgetrieben. ,,Verdammte sind wir auf jeden Fall“, sagt Bäumer. Es sind seine letzten Worte.
Nicht nur die Handlungschronologie bricht zusammen und verfängt sich in Zeitschleifen, in Wiederholungen. Auch der amputierte Textkörper kollabiert, tritt herzrasend auf der Stelle, dreht durch, explodiert in anschwellender Monotonie. Erschüttert ist selbst die Stabilität der Figuren und der Rollenzuschreibungen. Paul Bäumer ist nicht ein einziger. Meist verkörpert ihn zwar Valentin Bartzsch, aber was er zu sagen hat, kann im Prinzip jeder sagen.

Anfangs, wenn das Ansbacher Ensemble, angetreten in einer Reihe, zum Publikum spricht, inszeniert Markus Steinwender ein Sprechrequiem, ein chorisches Epitaph für die im Krieg Getöteten. Detonationen gliedern es. Die dräuende Musik der Band „Nine Inch Nails“ hebt das Geschehen ins 21. Jahrhundert, hämmert im Produktionstakt der Maschinen. Hergestellt wird hier mit Menschen als Material: der Tod.

Der Erste Weltkrieg, dessen entmenschende Schrecken Remarque aus der Perspektive eines Frontsoldaten schildert, ·ist nur die Folie für ein zeitloses Antikriegsstück, das sensibel macht für Propagandatöne· und sentimentale Verklärung. Die letzten Reste von Landserromantik, die es im Roman gibt, radiert Steinwender aus. Was stehenbleibt, treibt er mitunter bis zur grellen Satire. Als die Soldaten auf ihren Latrineneimern sitzen und über die Ursachen des Kriegs sinnieren, irrlichtert über ihnen eine fahle Gefechtsfeldbeleuchtung. Tatsächlich aber ist es etwas anderes: eine Filmschleife, die schemenhaft zeigt, wie Wurstfülle von einem Metzger in Därme gepresst wird.

Solche szenischen Reibungen können Gedanken entflammen. Steinwenders Inszenierung bietet Reibungsflächen, hat viele Deutungsebenen. Und sie entwickelt eine enorme Intensität, da es Steinwender und seinem Ausstatter Stefan A. Schulz gelingt, die längst allgegenwärtigen Bilder des Krieges in Bühnenabstraktionen zu übersetzen. Drei Dutzend schwarze Gasballons in Reih und Glied glänzen finster in dieser Raum-Chiffre.
Das Ensemble – Valentin Bartzsch, Claudia Dölker, Gerald Leiß, Andreas C. Meyer, Hartmut Scheyhing, Katja Straub, Sophie Weikert und Dave Wilcox – spielt sechzehn Rollen mit nicht nachlassender Kraft. Die Figuren, biedere Bürger, Menschenschinder, versehrte Soldaten, sind scharf skizziert bis karikiert. Hart ist der Ton, untermischt mit Entsetzen und kalter Ironie. Es schwingt aber auch, Bartzsch zeigt das, eine hoffnungslose Sehnsucht nach einem besseren Leben mit und ein Gefühl dafür, wie verletzlich, wie schutzbedürftig, wie schwach der Einzelne ist. Keine Heroen in Uniformen stehen da, sondern arme Kerle in Unterhosen.“
THOMAS WIRTH, FLZ, 18. April 2016

Über das Stück

Der junge Paul Bäumer wird in den Krieg eingezogen, den man später den Ersten Weltkrieg nennen wird. Er erlebt die Katastrophe in allen Facetten, die wir heute zu kennen glauben: anfängliche Kriegsbegeisterung, endlose Stellungskämpfe, Gasangriffe, Verletzungen, Lazarette, Heimaturlaub, Entfremdung von der eigenen Familie, Rückkehr an die Front, Traumatisierung, Glorifizierung der Soldaten als Helden. Er fällt im Oktober 1918, an einem Tag, an dem die gesamte Front so ruhig und still ist, dass der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkt: „Im Westen nichts Neues“.

Erich Maria Remarque schildert mit schonungsloser Härte die sinnlose Opferung junger Männer im Ersten Weltkrieg. Auch, wenn wir heute in Deutschland, 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten und 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, noch im Frieden leben, ist die militärische Auseinandersetzung als Lösung von politischen Konflikten in Europa bereits wieder gegenwärtig. „Im Westen nichts Neues“ zeigt, dass wir nicht aufhören dürfen, gegen Kriege einzutreten. In Deutschland, Europa und weltweit.

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Alle Fotos: © Jim Albright